Eine Portraitplastik erstellen

Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2024 9 Minuten

Im April 2011 habe ich ein Portrait der etwas anderen Art erstellt. Während es in der Fotografie alles eine Sache weniger Augenblicke ist, und sich die Konzentration im Sucher auf ein zweidimensionales Abbild fokussiert, bekommen beim modellieren einer Plastik ganz andere Aspekte Gewicht. Alleine drei Tage hat das erstellen des Kopfes aus Ton anhand eines lebenden Modells gedauert.

Modellieren in Ton

Das Modell sitzt dabei zwischen den Teilnehmern auf einem Stuhl, der sich wiederum auf einem großen Drehteller befindet. So wird das Modell von Zeit zu Zeit in eine neue Position gedreht. Modelliert wird auf einem so genannten Modelliereisen, das auf einem drehbaren, und höhenverstellbaren Stativ steht. Schon die Auswahl des Eisens ist wichtig für das Aussehen der späteren Plastik. Die Größe des Sockels, und die Form des Eisens will deshalb genau bedacht sein. An dem Eisen werden mit Draht zunächst vier kleine Holzkreuze montiert, die schon mal grob die Grenzen und die Form des Kopfes bilden. Sie werden später in die Plastik eingearbeitet, sofern sie nicht stören. Dann greift man sich den ersten Klumpen Ton, ketet ihn bedächtig mit den Händen, betrachtet dabei das Model, und versucht die Form des Kopfes zu erfassen. Es gilt genau hinzuschauen. Schließlich beginnt man unter häufigem drehen des Sockels den Ton von innen nach außen aufzutragen. Dabei wird zunächst sehr grob vorgegangen, aber das Model trotzdem immer im Blick behalten, damit sich letztlich die Grundstruktur des Kopfes herausbildet.

Immer wieder muss man zurücktreten um die Linien zu vergleichen, und auch mal Pause machen um einfach Abstand zu gewinnen. Die Möglichkeiten etwas zu verschlimmbessern sind unbegrenzt. Es ist eine Kunst, den richtigen Moment zu erkennen wann ein bestimmter Aspekt herausgearbeitet und “fertig” ist.

Am ersten Tag wird lediglich die Grobform fertig. Tag zwei bringt viel Detailarbeit. Die passigen Formen, Proportionen und Positionen wollen gefunden werden, Lippen, Kinn, Unterkiefer, Stirn, Augenbrauen, Ohren. Die Sicht auf die Diagonalen bringt neue Perspektiven, und erschließen Wangenknochen und Augenpartie. Am dritten Tag beschäftige ich mich nochmals mit den Ohren, die Haare entstehen, und zuletzt wage ich mich an die Augen. Das Gesamtwerk bekommt ne Menge Feinschliff. Alles will zu einem harmonischen ganzen verbunden werden. Mit dem Sockel bin ich nicht zufrieden, und so modelliere gegen Abend noch flott einen kompletten Schulterbereich, den ich aber wieder recht großzügig einreiße. Was bleibt, ist das sich die Linien der Kopfform im Sockel widerspiegeln.

Es gibt viele Möglichkeiten den Ton zu modellieren: Drücken und verschmieren mit dem Finger, oder Auftragen von Platten und Würsten aus Ton, die dann geschickt mit dem Rest verbunden werden. Alternativ man trägt flächig mehr auf, und arbeitet die Form dann heraus. Wichtig ist, das sich Flächen und Kurven finden (und zu einem harmonischen ganzen verbinden). Es ist immer einfacher neues Material aufzutragen, als sich zu überwinden auch mal großflächige Material wegzuschneiden oder abzuschaben. Wichtig ist, nicht die Grundform zu verlieren. Zwischendurch wird immer mal wieder gemessen: Der Abstand Augen Nase Kinn, Kopfende oder auch die Linie von Kinnspitze zur Nasenspitze, und zur Stirn. Es ist wichtig das diese Proportionen stimmen. Das Gefühl trügt einen von Zeit zu Zeit. So verändert sich die Skulptur immer wieder, bis man das Gefühl hat (oder einfach entscheidet) fertig zu sein.

Von Ton zu Gips

Am vierten Tag erstellen wir mit Gips eine Form von dem Tonkopf. Dabei wird die mühsam und in liebevoller Klein- und Detailarbeit erstellte Tonplastik zerstört – was sehr weh tut, denn schließlich hat man in den vergangenen Tagen eine Beziehung zu diesem Gegenstand aufgebaut. Der Ton wandert in den großen Vorratsbehälter wo er darauf wartet wieder verwendet zu werden.

Drei Wege führen zu einer Form. Mit einem Zwirnsfaden, mit kleinen Blechen, oder mit Tonstreifen. Bei allen drei Möglichkeiten geht es um die Trennstelle zwischen den beiden Formteilen. Jede der Techniken hat ihre vor und Nachteile. Außerdem muss entschieden werden, wo die Trennlinie entlang läuft. Auch der Umgang mit dem verwendeten Gips will geübt sein. Gips hat ein sehr eigenwilliges Verhalten, und er muss sorgsam angesetzt und mit viel Gespür verarbeitet werden. Mit einer geschickten Wurftechnik wird der Gips auf dem Tonkopf platziert. Die Skulptur sollte sich in den Umrissen der Form wieder finden.

Am fünften Tag haben wir die Form mit Gips ausgegossen, und so einen Gipskopf erhalten. Damit sich die Form keine Feuchtigkeit aus dem gegossenen Gips zieht – was zu Rissen führt, legen wir die Formhälften so lange in Wasser ein, bis sie kein Geräusch mehr von ich geben. Dann werden die Formhälften mit Trennmittel ausgekleidet, und letztlich werden ihr Schellen angelegt, damit die Formteile während des Gießvorganges auch zusammen halten. Dazu dienen Fahrradschläuche, Eisenklammern, oder in Gips getränkte Bandagen. Dann wird ausreichend Gips angesetzt, mit dem die Form zunächst im unteren drittel gefüllt, und herumgeschwenkt wird, damit der Gips in Mund, Ohren und Augen fließt. Schließlich wird die Form bis oben hin gefüllt. Nach einer angemessenen Zeit der Trocknung wird die Plastik aus den Formhälften gelöst – wobei die Form in der Regel zerstört wird.

Letztlich wird die Portraitplastik mit Feilen und anderem Kratzwerkzeug weiter bearbeitet, Gußfehler beseitigt, oder einfach weiter modelliert. Das ist spannend, weil man auf einmal ein anderes Material unter den Händen hat.

Damit ist dieser Teil abgeschlossen, und erst mal Pause. Erst am 5. März 2012 - nach gut einem Jahr - geht es in dem Thema weiter:

Sockel, Schmirgel & Patina

In den letz­ten Wochen hat meine Skulp­tur einen Stän­der ver­passt bekom­men. Die Wahl des Stän­ders ist natür­lich auch von gro­ßer Bedeu­tung, denn er muss zur Skulp­tur pas­sen. Die Größe und Form der Boden­platte, sowie der Durch­mes­ser des Stif­tes wol­len gewählt wer­den. Ent­schei­dend ist auch der Abstand und der Win­kel in dem die Skulp­tur auf dem Sockel ruht. Am gän­gigs­ten sind Stän­der aus Holz, die aus einer Boden­platte beste­hen und einem Stift, auf dem der Por­trait­kopf sitzt.

Eine Holz­kon­struk­tion kam für meine Plastik aber nicht in Frage. Es sollte eine aus Metall sein, wenn mög­lich ver­ros­tet und mit unre­gel­mä­ßi­gen Kan­ten. Die Ent­schei­dung fiel eigent­lich als wir einen gro­ßen Nagel in den Sockel ein­gos­sen, den wir in Tan­jas Kram­kiste gefun­den hat­ten. Es hat aber einige Monate gedau­ert bis mich eine geeig­nete Platte gefun­den hatte. Sie musste noch ein wenig in Form geschnit­ten wer­den, was wegen der Dicke nur mit einem Schneid­bren­ner mög­lich war. In den letz­ten Tagen wurde dann der Kopf auf die Platte geschweißt.

Scha­ben, Krat­zen, Schmirgeln

Heute habe ich nun noch ein­mal 6 Stun­den damit ver­bracht der Skulp­tur den letz­ten Fein­schliff zu ver­pas­sen. Nach­dem ja beim letz­ten mal Mate­rial auf­ge­tra­gen wurde um Stel­len aus­zu­bes­sern geht es jetzt um das Gegenteil.

Zunächst habe ich den Sockel auf der Unter­seite etwas abge­schlif­fen, um die Syme­trie zur Boden­platte her­zu­stel­len. Dann bin ich eini­gen unpas­sen­den Stel­len mit gro­bem Schmir­gel­pa­pier zu Leibe gerückt. Ich wollte keine glatt­po­lierte Skulp­tur. Die Bear­bei­tungs­spu­ren, Feh­ler und Beschä­di­gun­gen soll­ten sicht­bar blei­ben. Aller­dings sollte sich irgend­wie ein har­mo­ni­sches Gesamt­bild ein­stel­len. Also habe ich die Stel­len die ich zuletzt mit Gips aus­ge­bes­sert hatte etwas glatt­ge­schlif­fen, bzw. dafür gesorgt das die Über­gänge nicht mehr all­zu­sehr sicht­bar waren. Lei­der hatte ich an eini­gen Stel­len zum Aus­bes­sern zu alten Gips ver­wen­det, der nun eine andere Farbe und Struk­tur auf­weist, die sich nur schwer mit den angren­zen­den Stel­len ver­bin­den will. Danach habe ich einige Uneben­hei­ten aus­ge­gli­chen die „da nicht hin­ge­hör­ten“, in dem ich einige Stel­len an Nase, Wange, Augen und Hals mit dem Schmir­gel bear­bei­tet habe.

Letzt­lich habe ich den Haar­an­satz über­ar­bei­tet, weil er wie ange­klebt aus­sah und den Blick zu sehr auf sich zog. Er spie­gelt jetzt den Win­kel der Augen­brauen, und wirft einen weni­ger har­ten Schat­ten. Um eine sau­bere Kante hin zu bekom­men habe ich fei­nes Schmir­gel­pa­pier und einen klei­nen Holz­klotz ver­wen­det. Spä­ter dann noch einen Krat­zer mit Zäh­nen zum auf­rau­hen, und einen glat­ten Spach­tel zum abtra­gen. Den lin­ken Bogen am Haar­an­satz hab ich etwas begra­digt, und die Haar­an­satz auf der rech­ten Seite ver­brei­tert sich jetzt Rich­tung rech­tes Ohr.

Das rechte Ohr hat auch noch eine kleine Über­ar­bei­tung erfah­ren, und ver­bin­det jetzt bes­ser mit dem Kopf. Es ist wich­tig sich für die Arbeit Zeit zu neh­men, und die Skulp­tur immer wie­der im Licht zu dre­hen, auch mal zurück zu tre­ten, oder ne Pause zu machen. Außer­dem ist es von Vor­teil sehr acht­sam vor­zu­ge­hen und nicht zu viel Mate­rial weg zu nehmen.

Pati­nie­ren

Zum Abschluss habe ich meine Skul­pur mit einer Patina ver­se­hen. Am liebs­ten hätte ich sie so gelas­sen wie sie ist, aber dann habe ich mich doch nach meh­re­ren Tests für eine rot­braune Patina ent­schie­den, da sie zum ros­ti­gen Stahl-Sockel passt.

Pati­nie­ren ist eine Kunst für sich, bei der in mei­nem Fall Schel­lackexternal link Ver­wen­dung fin­det. Außer­dem war das Auf­tra­gen im mitt­ler­weile halb­dunk­len nicht so ein­fach. Der erste Ver­such war nicht gelun­gen. Der Auf­trag war sehr unre­gel­mä­ßig, und ich hatte ganze Stel­len ver­ges­sen. Also hab ich behut­sam noch eine Schicht mit kreis­för­mi­gen Pin­sel­stri­chen auf­ge­tra­gen. Das ganze muss mit mög­lichst tro­cke­nem Pin­sel erfol­gen, damit es keine unschö­nen Nasen gibt, falls die Patina läuft.

Irgend­wie war ich aber wie­der nicht zufrie­den. Das Ganze sah mir dies­mal zu ange­malt aus, und ich mochte auch den Glanz nicht. Also habe ich alles erst­mal mit Ver­dün­ner ver­wischt, und mit nem Lap­pen rum­ge­schmiert und abge­tra­gen. Aber jetzt sah es noch schlim­mer aus… wie ein zufäl­li­ger Fli­cken­tep­pich. Durch meine Unzu­frie­den­heit mit dem Ergeb­nis kam Tanja auf die Idee dem Gan­zen eine grün­blaue Struk­tur zu geben. Also hat sie ein geheim­niss­vol­les Pul­ver mit Ver­dün­ner ange­rührt, das ich dann kunst­voll mit dem Pin­sel auf­ge­tra­gen und ver­teilt habe. Die Farbe lief Rit­zen und Ver­tie­fun­gen, und das gefiel mir. Irgend­wie ist pati­nie­ren wie malen auf einer drei­di­men­sio­na­len Lein­wand. Erha­bene Stel­len wer­den hel­ler gestal­tet, und tie­fer lie­gende Stelle abge­dun­kelt, um sie zu beto­nen. Mit Hals und Haa­ren war ich nun zufrie­den. Das Gesicht sah aller­dings ziem­lich grün ange­malt aus. Also hab ich die Fär­bung abge­wischt, und dabei in die fei­nen Rit­zen ein­mas­siert. Dann hab ich noch­mal Patina auf­ge­tra­gen und vor­sich­tig mit „Nul­ler“, einem klei­nen Pin­sel und einem Lap­pen wie­der gezielt abge­tra­gen und ver­wischt, bis die Über­gänge zu Hals und Haa­ren har­mo­nisch aus­sa­hen. Fer­tig

Das Finale - Ausstellung 2012

Am Sonn­tag den 11. März ab 14 Uhr war die große Abschluss­ver­an­stal­tung im Künst­ler­haus Tanja Leh­mann. Es waren ziem­lich viele Leute da, es gab ein paar schöne Reden und Geschich­ten, ein klasse Buf­fet, eine Dia­show und so viele nette Leute zum unter­hal­ten das ich gar keine Zeit hatte Fotos zu machen.

Naja, ein paar habe ich dann doch gemacht. Tanja hatte mich gegen Ende der Aus­stel­lung gebe­ten von jedem der 24 aus­ge­stell­ten Expo­nate eine Auf­nahme anzu­fer­ti­gen, bevor die Skulp­tu­ren in alle Winde ver­streut wer­den. Die­sem Wunsch bin ich gerne nach­ge­kom­men, und so könnt ihr hier einen Teil der Por­traits bewundern.

Zum Abschluss noch mal meine Plastik, weil das Licht so schön war:

Dieser Artikel wurde erstmals 2011 auf meinem blog glimpse-of-life.de veröffentlicht.