Kollodium Nassplatte

Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2024 10 Minuten

Kurzer Abstrakt über die Fotografie mit Kollodium Nassplatte, die Geschichte, eine Materialliste und das Verfahren selber - was viel gefährliche Chemie und echtes Handwerk bedeutet.

Geschichte

  • 1826 - Joseph Nicéphore Niépce macht das erste Foto der Welt
  • Eine mit verdünntem Asphalt beschichtete Zinnplatte wird in einer Lochkamera der Sonne ausgesetzt („Heliographie“). Der Asphalt härtet aus.
  • Belichtungszeit: 8 – 9 Stunden
  • Das „Fixieren“ bestand aus dem Ab- waschen des nichtbelichteten Asphaltes mit Terpentinöl.
  • Ersatz für die klassische Lithographie (Buchdruck)

  • 1839 - Jean Jacques Mandé Daguerre entwickelt die „Daguerrotypie“
  • Versilberte Kupferplatten werden durch Einwirkung von Joddämpfen lichtempfindlich: Es bildet sich lichtempfindliches Silberiodid auf der Oberfläche, welches sich durch Lichteinwirkung verfärbt.
  • Die Entwicklung erfolgt mit Quecksilberdämpfen, das Fixieren mittels Zyankalilösungen.
  • Zweck war nicht mehr die Lithographie, sondern echte Fotografie.

  • 1840 - William Henry Fox Talbot entwickelt die „Kalotypie“
  • Mit Silbernitrat und Kochsalz lichtempfindlich gemachtes Papier verwendet Talbot zunächst zum Anfertigen von Fotogrammen: Er legt Gegenstände auf das Papier, das bei Lichteinwirkung schwarz wird: Ein Negativ entsteht.
  • Auf Jodsilberpapier gelegt und erneut belichtet, erzeugen diese Negative ein tonrichtiges Positiv.
  • Talbot nennt dieses Verfahren „Kalotypie“ (kalós, gr. für „schön“) und entwickelte den bis heute gültigen fotografischen Prozess: Belichtung → latentes Bild → Entwicklung → Fixierung → Ausbelichtung.

  • 1842 - Sir John William Frederick Herschel entwickelt die silberfreie „Cyanotypie“
  • Papiere werden mit Ammoniumeisen(III)-Citrat und Kalium-ferricyanid-Lösung getränkt. Während des Trocknens werden sie UV-lichtempfindlich.
  • Schattenwerfende Gegenstände oder sehr dichte Negative erzeugen nach ca. 10 – 20 Minuten ihr Abbild auf dem Papier.
  • Das Fixieren und Wässern (Auswaschen des nicht belichteten Farbstoffes) erfolgt mit klarem Wasser, das Papier wird dabei blau („Blaudruck“).

  • 1850 - Frederick Scott Archer und Gustave Le Gray entwickelt die Kollodium-Nassplatte
  • Glasplatten werden mit Kollodium (Nitrocellulose, Ether und Alkohol) begossen, welchem zusätzlich Halogensalze beigemischt werden.
  • Die noch feuchte Platte wird in ein Bad mit Silbernitratlösung getaucht, wo sich in der Kollodiumschicht UV-lichtempfind- liche Silbersalze bilden. Danach erfolgt die Belichtung.
  • Die Entwicklung erfolgt z.B. auf Basis von Eisen-II-Sulfat, das Fixieren erfolgt heute in einer Lösung aus Natrium-thiosulfat, früher dagegen mit Kaliumcyanid.
  • Das Glasnegativ einer Ambrotypie wird durch einen dunklen Hintergrund sichtbar, es erscheint positiv („Scheinpositiv“).
  • 1826 - Joseph Nicéphore Niépce - Das erste Foto mit Kollodium Nassplatte
  • 1839 - Jean Jacques Mandé Daguerre
  • 1840 - William Henry Fox Talbot
  • 1842 - Sir John William Frederick Herschel

Materialliste

Hardware

Neben einer entsprechenden Kamera benötigst du noch diese rund 50 Dinge:

  1. Glasscheiben 3mm, oder schwarz lackiertes Aluminiumblech 0.6-0.8mm.
  2. Abziehstein, fein
  3. Laborglasflaschen 250, 500,1000ml
  4. Medikamenten-Glasfläschen 60/100ml
  5. Messzylinder 100ml
  6. Standard-Aräometer, Messbereich: 1,000 - 1,100g/cm3
  7. Silberbad-Behälter vertikal, mit Deckel, Ständer und Plattenheber
  8. PH-Indikatorstäbchen z.b. Carl-Roth PH-Fix 0-14
  9. Labor-Feinwaage, Auflösung 0.01g
  10. Glas-Rührstäbe, Feinspatel, Kunststofftrichter 50+100mm, Glastrichter 100ml
  11. Labor-Rundfilterpapier, schnell+mittelschnell
  12. Glasplattenständer, z.b. Teller-Trockengestell etc.
  13. Laborschalen für Entwickler, Zwischenwässern, Fixierer, Schlusswässern
  14. Rotlicht, LED-Stripes, Lichtspektrum >670nm
  15. Küchenrolle
  16. Einwegtücher
  17. Nitril-Laborhandschuhe Klasse 5
  18. Latex-Einweghandschuhe
  19. Thermo-Isolierhandschuh mit Latexbeschichtung rutschfest
  20. Schutzkittel/Schürze
  21. Einweg Atemmasken
  22. Schutzbrille
  23. Propangasbrenner (breite Kocherflamme)
  24. Staubpinsel oder Druckluftspray
  25. Grobporen-Reinigungsschwamm (Obi)
  26. Verschlussfolie Parafilm M
  27. 3 Min-Timer
  28. Chemikalienkühlschrank
  29. Edelstahltopf und mobile Herdplatte zum Aufkochen des Silberbades

Optional

  1. Wärmeplatte (statt Propangasbrenner)
  2. Vakuum-Filtereinrichtung mit Pumpe, Büchnertrichter, Druck-Glasflasche
  3. Atemmaske mit Schutzfilter für organische Stoffe
  4. Dunkelkammerbox oder Dunkelkammerzelt für Outdooreinsatz

Chemikalien etc.

  1. Kreidepulver (Calciumcarbonat, CaCo3)
  2. demineralisiertes Wasser (~2,5L pro Sitzung)
  3. Ethanol, vergällt 96-99,8%
  4. Trinkalkohol (Primasprit) 96,6%
  5. Kollodium-Lösung 4-8% (Collodion Merck, Fluka (Sigma-Aldrich)
  6. Dietylether (stabilisiert)
  7. Brom- und Jodsalze (Ammoniumjodid, Lithiumbromid, Kaliumjodid, Cadmiumbromid)
  8. Silbernitrat
  9. Salpetersäure 53% (HNO3)
  10. Natriumhydrogencarbonat, Backsoda ( NaHCO3)
  11. Eisen-(II)-sulfat heptahydrate
  12. Essigsäure (Eisessig 100%, oder Essigessenz/ Speiseessig mit % Umrechnung)
  13. Natriumthiosulfat, technische Qualität (alternativ Ammoniumthiosulfat oder Rapidfix 1:4)
  14. Sandarakharz/ Gummi Sandarak, alternativ Blättershelllack (hellst.)
  15. Lavendelöl, Mt. Blanc
  16. Jodlösung
  17. Optional: Asphaltlack + echtes Terpentinöl (Kremer)

Verfahren

  • Funktioniert sehr gut mit Tageslicht und allen Lichtquellen mit hohem Blau- und UV-Anteil, darunter auch Blitzlicht, z.B. aus Studioblitzen.
  • Das Verfahren ist unempfindlich gegenüber rotem Licht. Es funktioniert NICHT mit Heisslicht (Glühlampen), also mit Lichtquellen, die einen hohen Rotanteil im Spektrum haben. Deshalb kann man in der Dunkelkammer unter mäßigem Rotlicht arbeiten.
  • Rot-Unempfindlichkeit: Rote Haare, Lippen, Kleidung bleibt auf der Platte sehr dunkel bis fast schwarz.
  • Auch Pflanzen bleiben oft schwarz auf den Bildern. Sie absorbieren in der Natur UV-Licht für ihren Stoffwechsel und reflektieren es daher nicht.

Kollodium ansetzen

  • Kollodium = Rohkollodium + Ethanol + Halogensalze
  • Rohkollodium = >50% Ether + Ethanol + (4 - 8%) Nitrocellulose
  • Halogensalze = Bromide + Iodide
    • Cadmiumbromid + Ammoniumiodid oder
    • Kaliumbromid + Kaliumiodid
    • etc
  • Das frisch angesetzte Kollodium muss mind. eine Woche „reifen“, die Bestandteile lösen sich nur langsam ineinander.
  • Das Kollodium alleine ist noch NICHT lichtempfindlich.

Kollodium anwenden

  1. Das Kollodium wird über perfekt gesäuberte Glasscheibe („Platte“) gegossen und in alle Ecken „balanciert“.
    1. Der Ether verdampft dabei schnell, das Kollodium erstarrt zusehens.
    2. Es bildet sich ein sogenanntes „Kolloid“, eine Art Gel.
    3. Das Kollodium dient als eine Art Schwamm für die fotochemischen Substanzen und liefert die Lösungsmittel (hauptsächlich Ethanol) für alle chemischen Reaktionen.
  2. Überschüssigen Rest des Kollodiums abgiessen und zur Wiederverwendung auffangen.
  3. Silberbad: Bevor das Kollodium trocken ist, muss die Platte für ca. 3min in ein Bad mit Silbernitrat getaucht werden. Dieser Schritt muss im Dunkeln bzw. unter Rotlicht geschehen, denn hier wird die Platte wird lichtempfindlich!

Was passiert im Silberbad?

  • Cadmiumbromid (aus Kollodium) +
  • Silbernitrat (aus Bad)
    • wird zu
  • Silberbromid + (im Kollodium) lichtempfindlich! +
  • Cadmiumnitrat (in Bad und Kollodium)

  • Ammoniumiodid (aus Kollodium) +
  • Silbernitrat (aus Bad)
    • wird zu
  • Silberiodid + (im Kollodium) lichtempfindlich! +
  • Ammoniumnitrat (in Bad und Kollodium)

Nass Fotografieren

  1. Die Platte aus dem Bad ziehen: Sie ist milchig weiß.
    1. Das sich frisch gebildete Silberbromid und Silberiodid hat sie lichtempfindlich gemacht.
    2. Die Schicht ist sehr berührungsempfindlich.
  2. Die Rückseite der Platte von anhaftendem Silbernitrat reinigen.
  3. Die Platte wird nass in den Plattenhalter der Kamera eingesetzt und muss in den nächsten 10 Minuten belichtet werden.
    1. Die Platte darf nicht trocken werden, da die chemischen Reaktionen dann nicht mehr ablaufen können.
    2. Es bildet sich beim Belichten ein unsichtbares, latentes Bild - der physikalische Keim für das Bild - das beim Entwickeln verstärkt wird.

Entwickeln

  1. Die belichtete Platte aus dem Plattenhalter nehmen und schnell mit Entwickler übergießen.
  2. Der Entwickler wird eine Weile auf der Platte balanciert, ähnlich wie das Kollodium.
    1. Aus dem unsichtbaren, vorhandenen latenten Bild wird ein sichtbares Bild.
    2. Entwickelt wird „auf Sicht“, max. 10 Sekunden lang.
    3. Wenn die Mitteltöne des Motives sichtbar werden, den Prozess mit Leitungswasser stoppen.
  3. So lange Wasser auf die Platte gießen, bis der ölige „Look“ der Platte verschwunden ist.

Fixieren

  1. Die Platte in das Fixierbad mit Natriumthiosulfatlösung gelegt.
    1. Es sollte zwischen 15 und 22 °C warm sein.
    2. Je wärmer das Bad ist, umso schneller geht der Fixiervorgang vonstatten.Die nicht belichteten Silberbestandteile müssen vollständig aus der Schicht gewaschen werden und lösen sich im Fixierer.
    3. Je nach Schichtdicke geht das unterschiedlich schnell.
    4. Sehr dicke Bereiche sollten nicht ganz ausfixiert werden.
    5. Die Flüssigkeit muss dabei bewegt werden, damit immer frische Lösung an die Schicht gelangt (Wannenecke leicht anheben und absenken).
    6. Zu langes Fixieren kann ein Ablösen der Schicht bewirken!

Wässern, Trocknen, Varnishen

  1. Die Platte nach dem Fixieren mind. 2 Minuten unter fließendem Wasser (nicht zu kalt) wässern, damit der Fixierer aus der Schicht verschwindet.
  2. Danach mit destilliertem Wasser spülen, damit keine Kalkflecken auf der Platte zurückbleiben.
  3. Die Platte muss trocknen und wird dabei deutlich heller.
  4. Luftdicht versiegeln (varnishen) mit Firnis (Varnisher) in unterschiedlichen Verfahren, damit das metallische Silber nicht nachdunkelt (Siehe: Omas Silberbesteck, Ringe und Ohrringe)

Das Ergebnis

Kann dann so aussehen. Das sind meine ersten zwei Versuche mit der einfachen Holzkamera von oben:

Gefahren!

  • Kollodium: Ether („Dimethylether“)
    • Siedepunkt bei -23 °C
    • verdampft sehr schnell
    • Dämpfe sind schwerer als Luft, hoch- und leichtentzündlich, hochbrennbar, wirken in hohen Dosen narkotisch.
  • Kollodium: Ethanol / denaturierter „vergällter“ Alkohol
    • Brennbar
  • Kollodium: Cadmiumbromid, Cadmiumiodid
    • Sehr giftig und vermutlich krebserregend, Einnahme und Hautkontakt unbedingt vermeiden! Allergrößte Vorsicht ist beim Anrühren des Kollodium nötig, Vorsicht beim Verarbeiten desselben.
  • Silberbad: Silbernitratlösung (9%)
    • Stark korrosiv, giftig und eine große Gefahr für die Augen. Verursacht schwarze Flecken auf fast jeder Oberfläche und Kleidung
  • Entwickler: Eisen-II-Sulfat
    • In reiner Form reizend bis ätzend bei Hautkontakt, gesundheits- schädlich bis tödlich bei Einnahme „relevanter Mengen“. Vorsicht nur beim Ansetzen des Entwicklers nötig …
  • Entwickler: Essigsäure (aus Essigessenz oder rein)
    • Gefahr für die Augen
  • Fixierbad: Natriumthiosulfatlösung (20%)
    • In reiner Form reizend bei Hautkontakt.

Arbeitssicherheit!

  • Alle Arbeiten NUR mit Handschuhen durchführen!
  • Achtung: Latexhandschuhe schützen NICHT vor Schnittverletzungen.
  • Nicht mit Handschuhen ins Gesicht fassen!
  • Vor dem Gang aufs Klo die Handschuhe AUSZIEHEN!
  • Nicht mit Handschuhen in der Gegend rumlaufen und irgend was anfassen.
  • Insbesondere mit Handschuhen keine Speisen anfassen!
  • Beim Arbeiten mit Silbernitrat IMMER Schutzbrille tragen!
  • Keine Dämpfe einatmen
    • Nicht direkt über Chemikalienbehälter beugen
  • Unwohlsein und/oder Schmerzen (Haut, Augen) sofort die Arbeit abbrechen, und an die frische Luft gehen. Ggfs. einen Arzt aufsuchen.
  • Eine Augenwaschflasche am Arbeitsplatz haben.
  • Nicht alleine arbeiten.

Bezugsquellen