Mein Kampfkunstlebenslauf

Zuletzt geändert: 4. Oktober 2020
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Tech­ni­ker­ar­beit zur Prü­fung auf den 1. Tech­ni­ker­grad, Leung Ting Wing Tsun. Cars­ten Nich­te — Ber­gisch Glad­bach, den 5. Okto­ber 2007. 

Kampf­sport betrei­be ich seit 1981, seit 2000 trai­nie­re ich Wing Tsun. Über die Jah­re haben sich bis zum heu­ti­gen Tag fol­gen­de Gra­du­ie­run­gen ange­sam­melt, in Klam­mern die Jah­re der prak­ti­schen Ausübung: 

  • 1. Dan Goshin Jitsu (20 Jahre)
  • 12. SG Wing Tsun (7 Jahre)
  • 2. Kyu Judo (5 Jahre)
  • 3. Kyu Ju Jutsu (3 Jahre)
  • 5. SG Escri­ma (ca 3 Jahre)

Dane­ben habe ich vor ewi­gen Zei­ten noch cir­ca ein Jahr Kick­bo­xen, und ein Jahr Tae Kwon Do „stu­diert“. Ich bin im Besitz einer Lizenz als Übungs­lei­ter C für Brei­ten­sport beim Deut­schen Sport­bund, EWTO Übungs­lei­ter für Wing Tsun, und Fach­trai­ner für Kids Wing Tsun (das Kin­der­kon­zept der EWTO), und wie­der ein­mal dabei eine Wing Tsun Kampf­kunst­schu­le zu eröff­nen. Wing Tsun ist ein­fach geil, und MEIN Ding, und ich wer­de mich dar­in üben und wei­ter­ent­wi­ckeln, solan­ge mein Kör­per und Geist es zulas­sen. Ich bin zwar in vie­len Din­gen die ich so tue nicht unbe­dingt der Bes­te. Aber ich tue eine gan­ze Men­ge, von Com­pu­ter­pro­gram­men und Inter­net­sei­ten ent­wi­ckeln, desin­gen und pro­gram­mie­ren, Schrei­ben, Kla­vier und Saxo­phon spie­len bis zu Fami­li­en­ma­na­ger und Kampf­kunst eben, bin ziem­lich aus­dau­ernd und hart­nä­ckig bei all die­sen Din­gen, wie der per­ma­nen­te Was­ser­trop­fen auf dem Stein, und ver­su­che immer schön locker, beschei­den und mit viel Spaß und Lei­den­schaft dabei zu sein. Ich möch­te nicht „der Bes­te“ in einem Fach­ge­biet wer­den, ich möch­te viel­leicht der bes­te „Cars­ten Nich­te“ wer­den, ganz im Sin­ne eines per­sön­li­chen, kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­bes­se­rungs­pro­zes­ses. Von die­sem Zustand bin ich aber noch mei­len­weit weg, und ehr­lich gesagt ist das alles etwas iro­nisch gemeint, aber ein wah­rer Kern steckt den­noch drin. So, das war es in aller Kür­ze zu mir und mei­ner Kampf­kunst­pas­si­on, mehr gibt es eigent­lich gar nicht zu sagen. Oder doch? Sind noch Fra­gen offen? Mir fällt sogar gera­de eine ein: „War­um macht der Kerl 20 Jah­re Ju Jutsu, und hat nur den ers­ten Dan erlangt?“. War­um macht er über­haupt über 25 Jah­re ein und die sel­be Sache? Das ist doch irgend­wie alt­mo­disch in unse­rer schnell­le­bi­gen Zeit, wo ein Kurs­an­ge­bot das ande­re jagt. Ehr­lich gesagt, ich weiß es nicht, ich tue es halt ein­fach. Aber ich wer­de auf den fol­gen­den Sei­ten mal dar­über nachdenken. 

Mein Weg zum Wing Tsun

Also, am bes­ten fan­ge ich in mei­ner Kind­heit an, denn ver­mut­lich liegt dort die Wur­zel für mei­ne Kampf­kunst-Lei­den­schaft. Gebo­ren wur­de ich am 17.08.1963 und hat­te bis in die 70er Jah­re über­haupt nix mit Kampf­kunst am Hut. Den ers­ten Kon­takt mit Kampf­kunst hat­te ich wohl Anfang der 70er Jah­re. Da gab es auf dem Markt­platz vor dem Kino „Ber­gi­scher Löwe“ einen Stand, an dem Kampf­kunst­pos­ter und Kampf­kunst Vide­os gezeigt wur­den. Das war damals wohl etwas beson­de­res, denn die Zeit der Video­re­cor­der für den Heim­ge­brauch begann gera­de erst. Jeden­falls lief da etwas auf dem Bild­schirm, was ich bis Dato noch nie gese­hen hat­te. Was der Typ, es war wohl Bruce Lee, da auf dem Schirm voll­führ­te war für mich pure Zau­be­rei. Es hin­ter­ließ zwar einen tie­fen Ein­druck bei mir, die­ses Kön­nen schien mir aber uner­reich­bar wie von einem ande­ren Stern. So staun­te ich, und mehr nicht. Auch das ich spä­ter die Fern­seh­se­rie „Kung Fu“ mit David Carra­di­ne ver­schlang lös­te in mir nichts wei­ter aus, aber im Unter­be­wusst­sein war wohl ein Keim ange­legt, und so ver­gin­gen die Jahre. 

Ich war schon immer ein schlan­ker „Schlacks“, und zähl­te nicht zu den coo­len Typen, hat­te aber schon immer mei­ne eige­ne Mei­nung, die nicht immer mit dem all­ge­mei­nen Trend ver­ein­bar war. Man könn­te sagen ich war ein Außen­sei­ter, der auch schon mal gegen den Strom schwamm, auch wenn es nicht bequem war. Außer­dem ver­such­te ich Prüg­lei­en aus dem Weg zu gehen, weil ich nicht gera­de der Stärks­te war. Lei­der gin­gen die Prü­ge­lei­en nicht immer mir aus dem Weg, sodass ich des öfte­ren ordent­lich ein­ste­cken muss­te. Hin­ter mei­ner gro­ßen Klap­pe steck­te halt nicht genug Power, um sie auch mal mit kör­per­li­chen Mit­teln durch­zu­set­zen. Das blieb auch bis Anfang der 80er Jah­re so. Im Jahr 1981 nah­men mich schließ­lich zwei Freun­de, Andre­as Moritz und Jür­gen Adam, mit zum Judo Trai­ning in den Judo Club Kiän-Sü. So fing ich gegen den Wil­len mei­ner Eltern mit Judo an, und ein Jahr spä­ter mit Ju Jutsu. Ich trai­nier­te damals bis zu 5 mal die Woche, und sog alle Tech­ni­ken in mich auf. 

Wäh­rend mei­ne Schul­kum­pels staun­ten, wenn James Bond eine Tomoe Nage, einen O Goshi, oder einen Hebel bei einem Schur­ken ansetz­te, war ich jetzt – nicht ohne Stolz — ein „Wis­sen­der“. Ich lern­te aber auch mei­ne kör­per­li­chen Gren­zen ken­nen. Zunächst ver­lor ich so gut wie alle Kämp­fe, aber mit der Zeit wen­de­te sich das Blatt. In den 80er Jah­ren trai­niert ich sehr viel, besucht vie­le Lehr­gän­ge und Tur­nie­re, unter ande­rem bei Alfred Hasemeier. 

Mei­ne wich­tigs­ten Leh­rer waren damals Her­bert Aschmies, Heinz Met­zen (Judo), Vol­ker Blum (Ju Jutsu) und bis zuletzt Gerd Schim­mels (Ju Jutsu). Bun­des­li­ga Kämp­fer Gerd Hil­den gehör­te zwar nicht zu mei­nen direk­ten Trai­nern. Ihm ver­dan­ke ich aber über die Jah­re vie­le inspi­rie­ren­de und beson­ders erhel­len­de Momen­te im Judo. Beson­ders dank­bar bin ich Alfred Geu­er (7.Dan), der mich inten­siv auf mei­ne DAN Prü­fung vor­be­rei­te­te, und mir den nöti­gen Fein­schliff gab. 

Mei­ne Art zu kämp­fen war schon immer die eines Kon­ter­tech­ni­kers. Im Judo ließ ich ger­ne mei­nen Geg­ner arbei­ten, wieg­te Ihn in Sicher­heit, ließ mich zie­hen, und schie­ben, und schlug dann zu, wenn er sie­ges­ge­wiss sei­ne Tech­nik ansetz­te. Das funk­tio­nier­te zwar nicht immer, aber sehr oft – Wett­kampf­sport eben. 

Mit den Jah­ren ver­leg­te ich den Schwer­punkt immer mehr auf das Ju Jutsu, ent­hielt es doch Ele­men­te des Judo, Kara­te und Aik­ido. Es erschien mir damals das Maß aller Din­ge, konn­te ich damit doch das Bes­te aus drei Kampf­küns­ten erler­nen, und all­tags­taug­lich in Anwen­dung brin­gen. Auch hier war die Basis mei­nes Ver­hal­tens die des Kon­ter­tech­ni­kers. Die Kraft des Angrei­fers ins Lee­re lau­fen zu las­sen war auch hier mei­ne bevor­zug­te Tak­tik. Ich war halt auch im trai­nier­ten Zustand kör­per­lich meist unter­le­gen (immer am unters­ten Ende mei­ner Gewichts­klas­se), und setz­te somit auf Schnel­lig­keit und Wen­dig­keit, und ver­sucht die Kraft des Geg­ners auszunutzen. 

Irgend­wann in den 90er Jah­ren setz­te dann schlei­chend ein Erkennt­nis­pro­zess ein. Mit jedem Trai­ning, und mit jeder erzwun­ge­nen Erpro­bung in der Pra­xis, merk­te ich das da etwas fehlt. Ich schätz­te Situa­tio­nen falsch ein, hat­te immer wahn­sin­ni­ge schein­bar unkon­trol­lier­ba­re, läh­men­de Angst. Die vie­len Tech­ni­ken und Kom­bi­na­tio­nen schie­nen mir mit den Jah­ren zu kom­pli­ziert in der Anwen­dung auf der Straße. 

In die­ser Zeit trai­nier­te ich als Gast in vie­len Ver­ei­nen, Dell­brück, Deutz, Porz, Ref­rath, trai­nier­te eine Zeit lang Tae­kwon Do und Kick­bo­xen, traf auf ech­te Boxer, und ver­such­te das zu fin­den was ich such­te. Ich fand es aber nicht wirk­lich. So mach­te ich mich dar­an das offi­zi­el­le Ju Jutsu Sys­tem für mich per­sön­lich auf sei­ne Stra­ßen­kampf­taug­lich­keit zu über­prü­fen. Im Lau­fe der „Über­prü­fung“ fie­len immer mehr Techniken/Kombinationen aus 

die­sem Sys­tem her­aus. Was übrig blieb war, qua­si mein „eige­nes“, auf mich zuge­schnit­te­nes SV Sys­tem. Ich merk­te, das das allei­ni­ge Wis­sen um das Not­wehr­recht beim Stress auf der Stra­ße wenig hilf­reich war. Des­halb begann ich mich mit Begrif­fen wie Prä­ven­ti­on, De Eska­la­ti­on, und Nach­be­rei­tung ( juris­tisch / psy­cho­lo­gisch / medi­zi­nisch), aus­ein­an­der zuset­zen um die „Rand­er­schei­nun­gen“ beim „Stra­ßen­kampf“ in den Griff zu bekom­men – Din­ge, die im nor­ma­len Ver­eins­trai­ning nicht gelehrt wur­den. Dazu besuch­te ich spe­zi­el­le Kur­se die beim DSB, der Poli­zei, und der Volks­hoch­schu­le ange­bo­ten wurden. 

In die­ser Zeit fiel es mir immer schwe­rer nach dem offi­zi­el­len Lehr­plan zu unter­rich­ten. Also kon­zi­pier­te ich auf mei­nem Wis­sen basie­rend einen Selbst­ver­tei­di­gungs- und Selbst­be­haup­tungs­kurs für Frau­en und Kin­der, die ich dann ein paar mal in eige­ner Regie anbot, und mit ziem­li­chem Erfolg durch­führ­te. Dar­über hin­aus habe ich zuletzt die Ju-Jutsu Abtei­lung mei­nes Ver­eins ein paar Jah­re geleitet. 

Nach­dem ich knapp 20 Jah­re lang Ju Jutsu gelernt, gelehrt, prak­ti­ziert und seziert hat­te, kam irgend­wann der Zeit­punkt am dem ich ein­sah etwas ande­res machen zu müs­sen. Das „Ande­re“ fand sich aber nicht so leicht. Im Herbst 2000, ein Jahr nach dem ich den Ent­schluss gefasst hat­te etwas ande­res machen zu müs­sen las ich in der Zei­tung, von einer Wing Tsun Vor­füh­rung auf dem Stadt­fest. Ich hat­te zunächst nur eine vage Vor­stel­lung was das war – irgend­wie Kung Fu halt. Ich war skep­tisch, beschloss aber hin­zu­ge­hen, falls ich es nicht ver­ges­sen wür­de, wie im Jahr zuvor. Der Sams­tag kam, und ich ver­gaß nicht hin­zu­ge­hen. Die Vor­füh­rung war kurz, begeis­ter­te mich aber. Danach hat­te ich ein Gespräch, und ich ver­ab­re­de­te mich zum Trai­ning, was mich dann rest­los überzeugte. 

WT Erwach­se­nen­grup­pe Ber­gisch Gladbach

Im ers­ten Jahr trai­nier­te ich WT bei mei­nem Sifu Georg Tsiko­las und war par­al­lel, in mei­nem alten Ver­ein tätig, und gab zusätz­lich SV Kur­se. Im Jahr 2001 ver­ließ ich mei­nen Ver­ein end­gül­tig, und kon­zen­trier­te mich voll auf Wing Tsun. Nach dem Mot­to kei­ne Lebens­zeit zu ver­schwen­den trai­nier­te ich nun flei­ßig was mir gezeigt wur­de, und stell­te nach eini­ger Zeit mei­ne Erfah­rung in den Dienst der Wing Tsun Schu­le. Ich ver­schlang das Buch „Vom Zwei­kampf“ an einem ein­zi­gen Abend, eine Pha­se die wie ich glau­be jeder durch­macht der mit WT anfängt. Die Lek­tü­re bestä­tig­te mich in mei­ner Ent­schei­dung mit dem WT ange­fan­gen zu haben. Im Früh­jahr 2004 eröff­ne­te ich mit mei­nem Sihing Horst Wehr­hahn eine Schu­le für mei­nen Sifu, in der wir einen Kurs für Kin­der anboten. 

Im Früh­jahr 2005 wech­sel­te ich in die WT Schu­le nach Over­ath, und führ­te bei Sifu Dirk Pef­fe­ko­ven mei­ne Aus­bil­dung fort. Um genau zu sein fing ich trotz mei­nes 11ten Schü­ler­gra­des, und mei­ner bereits vier­zig Len­ze wie­der von vor­ne an zu ler­nen. So schloss sich der Kreis vom Schü­ler, zum ler­nen­den Leh­rer, wie­der zum Schüler. 

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