Das WingTsun System

Zuletzt geändert: 25. Oktober 2020
Geschätzte Lesezeit: 7 min

Ich möchte hier einen Überblick über das WingT­sun Sys­tem geben, der meinem derzeit­i­gen Ver­ständ­nis entspricht. WingT­sun erlernst Du am besten in ein­er WingT­sun Kampfkun­stschule unter der Anleitung eines fachkundi­gen Lehrers.

Aller Anfang ist leicht, und die let­zten Stufen wer­den am schw­er­sten und sel­tensten erstiegen

Goethe

Du kannst die WingT­sun Basics recht ein­fach und schnell erler­nen, es zu meis­tern ist aber ziem­lich schw­er. Es ver­langt langes und aus­dauern­des ler­nen, um let­ztlich zur Meis­ter­schaft zu gelan­gen. Warum ich das so sehe, ver­suche ich dir in diesem Doku­ment näher zu brin­gen.

Dem Laien erscheinen häu­fig die vie­len Dinge, die er über WingT­sun liest und hört sehr ver­wirrend. Dabei ist WT recht klar struk­turi­ert. In diesem Doku­ment beschreibe ich woraus WingT­sun  beste­ht, und welche Ziele mit den einzel­nen Bausteinen ver­fol­gt wer­den. Das hier niedergeschriebene ist meine Sicht auf die Dinge, und wed­er voll­ständig, noch fehler­frei. Wing Tsun zu ler­nen, bedeutet per­ma­nent zu ler­nen, sich anzu­passen und zu verän­dern, und so ist auch dieser Leit­faden.

Was ist WingTsun?

  • WingT­sun ist chi­ne­sis­ches Box­en. Es ist eine Kampfkun­st, ich nenne es auch Bewe­gungskun­st. Das bedeutet es schult und schärft das Kör­perge­fühl und die Sinne.
  • WingT­sun ist eine Kriegskun­st, das bedeutet darauf aus den Geg­n­er zu zer­stören: Ihm die Sinne zu nehmen, die Augen, den Atem. Klingt bru­tal, ist es in let­zter Kon­se­quenz auch. Im WingT­sun lernst du jeden Zen­time­ter deines Kör­pers als Waffe zu benutzen.
  • WingT­sun ist vom Grund­satz her angreifend, da man mit Abwehr alleine keinen Kampf gewin­nen kann. Es geht darum, mit auf dich ein­wirk­enden Kräften umzuge­hen die viel größer sind als deine eige­nen.
  • WingT­sun ist wis­senschaftlich, das bedeutet es fol­gt der Ver­nun­ft. Bewe­gun­gen müssen einen Sinn ergeben, und ein Ziel ver­fol­gen. Das Argu­ment die Bewe­gung wird „aus Tra­di­tion“ so gemacht, weil es halt schon immer so war, genügt nicht.
  • WingT­sun ist stil­frei. Das bedeutet die Konzepte kön­nen auf alle möglichen Kampfkun­starten angewen­det wer­den.
  • WingT­sun ist ökonomisch. Es geht sparsam mit den eige­nen Kräften um. Das Sys­tem passt sich an den Men­schen an, und nicht umgekehrt.
  • Im Lehrbuch ste­ht, das im WingT­sun jed­er nur erden­kliche Angriff, und die fol­gen­den möglichen Reak­tion des Angreifers auf die WingT­sun Gege­nan­griffe im Vor­feld durch­dacht wer­den, ähn­lich wie im Schach. Aber dieser Ver­gle­ich hinkt mein­er Mei­n­ung nach. Denn während auf dem Schachbrett Ord­nung herrscht, und bei­de Kon­tra­hen­ten nach den gle­ichen Regeln spie­len ist der Kampf auf der Straße geprägt vom Chaos, und das ist eben NICHT vorherse­hbar oder plan­bar, und der schlimm­ste Angreifer den es gibt ist jemand der nichts kann, und wom­öglich wie von Sin­nen ist. Diese zwei Gedanken erscheinen auf den ersten Blick als nicht vere­in­bare Gegen­pole: Der WingT­sun Kämpfer muss let­zten Endes das Chaos beherrschen, und das mit Meth­o­d­en des Schachspiels. Geht das? Klingt span­nend, nicht?
  • WingT­sun beste­ht aus ver­schiede­nen Ele­menten oder Säulen. Die vier Wichtig­sten sind:
    1. Mot­tos, Konzepte und Prinzip­i­en
    2. die For­men
    3. Gefühlstrain­ing
    4. und die Anwen­dun­gen

Was fasziniert mich am WingTsun?

Auf der einen Seite ist es die Bewe­gungskun­st, die logis­che Ein­fach­heit und Selb­stver­ständlichkeit der Bewe­gun­gen, die einen aber trotz­dem motorisch her­aus­fordern. Das fehlen jeglich­er Akro­batik- und Show­ef­fek­te, das es einem ermöglicht WT auch noch im hohen Alter zu prak­tizieren ist dabei als Neben­ef­fekt zu nen­nen. Die Wis­senschaftlichkeit der Konzepte, Mot­tos und Strate­gien die WingT­sun aus­machen, und die Kör­p­er und Geist gle­icher­maßen fordern. Die prak­tis­che Anwend­barkeit, und auf der anderen Seite die philosophis­chen Aspek­te hin­ter dem Sys­tem. All das ist ein­fach faszinierend zu erler­nen und zu erleben.

Abkürzung im WingTsun?

Viele Men­schen kri­tisieren, das es so lange dauert bis man WingT­sun erlernt hat, und suchen nach Abkürzun­gen. Ver­muten, das dies nur dazu dient den Schüler möglichst lange an die Schule zu binden, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen. Diese Frage hat mich auch ne Zeit lang beschäftigt. Mit­tler­weile habe ich einen lan­gen Weg zurück­gelegt, und bin zu fol­gen­der Erken­nt­nis gelangt:

  • Ich denke dieser Weg ist nötig, um das wirk­liche Wesen des WingT­sun zu ergrün­den und zu ver­ste­hen. Wer nicht bere­it ist ihn zu gehen, und nach Abkürzun­gen sucht, wird immer nur die Ober­fläche sehen, in Tech­niken denken, und sich in auswendig gel­ern­ten Tech­nikkom­bi­na­tio­nen ver­lieren. Für den, der sich darauf ein­lässt verän­dert WingT­sun mit der Zeit sein Wesen, und den eige­nen Kör­p­er, und damit auch das Denken und Han­deln. Man denkt nicht mehr in Tech­niken, oder einzel­nen Sek­tio­nen. Die Dinge wach­sen zusam­men, es wird Teil von einem.
  • Das Kör­perge­fühl verän­dert sich. Man wird weich­er, beweglich­er, flex­i­bler, passt sich automa­tisch an. Alles wird pure, instink­tive Reak­tion. Man ver­ste­ht auf ein­mal die Zusam­men­hänge, wo für den Anfänger noch Erk­lärun­gen nötig waren.
  • Wichtig für den Weg ist der richtige Lehrer. Ein Lehrer, der es ver­ste­ht sich  mit der Zeit über­flüs­sig zu machen. Der einen vom einen Ufer des Flusses abholt, und auf der anderen Seite abset­zt.

Vielle­icht gibt es Abkürzun­gen. Aber der Schüler im WT ist wie eine Frucht, die den ganzen Prozess von der Befruch­tung, über das langsame her­anwach­sen, über das Reifen am Baum durch­laufen muss, um wirk­lich gut zu wer­den. Dabei ist auch wichtig, in welch­er Erde die Pflanze steckt. Das volle Aro­ma ent­fal­tet sie nur wenn alles stimmt. Kürze ich den Weg ab, in dem ich die Frucht zum Beispiel zu früh pflücke, und im Lager­haus reifen lasse, oder ver­suche den Prozess durch Chemie zu beschle­u­ni­gen, wird die Frucht sich im Geschmack verän­dern, vielle­icht fade, ver­wässert schmeck­en.

Ich spüre das an mir sel­ber zB anhand der For­men. Jet­zt als 1. TG läuft die 1. Form sehr rund, und ohne nachzu­denken. Die 2. Form verän­dert langsam ihren Charak­ter und wird lebendi­ger, dynamis­ch­er, durch das set­zen ander­er Akzente, die ich auch durch das erler­nen­der drit­ten Form bekom­men habe. In der drit­ten Form füh­le ich mich wie ein Anfänger der zum ersten den ersten Satz der Siu Nim­Tao durch­läuft. Alles ist irgend­wie bekan­nt, aber doch vol­lkom­men neu.

WT zu ler­nen ist ein Genuss, es ist ein Prozess bei dem der Weg das Ziel ist.

Zu den Begriffen

Wenn man WingT­sun lernt, wird man — wie in jed­er Kampfkun­st — ein­er Menge Wörter begeg­nen, die einem erst mal fremd erscheinen. Es macht aber Sinn sie zu erler­nen. Deshalb ist das hier auch eine Auflis­tung der wichtig­sten Begriffe. Das Ver­ständ­nis wächst im Laufe der Zeit, durchs Ken­nen­ler­nen der dahin­ter liegen­den Konzepte und Bewe­gun­gen.

  • Schreib­weise
    • Begriffe kön­nen in ver­schieden Pub­lika­tio­nen anders geschrieben sein. Die Unter­schiede ent­standen durch die Über­set­zung vom Chi­ne­sis­chen ins Deutsche. Beispiel: Sao oder Sau. Die Schreib­weise ändert sich, die Bedeu­tung bleibt gle­ich
  • Aussprache
    • Das S in Sao wird scharf gesprochen. Durch die englis­che Umschrift, spricht man Jum-Sao nicht Jumm-Sao son­dern Dschamm-Sao.
  • Warum chi­ne­sis­che Begriffe ver­wen­den?
    • Mit den chi­ne­sis­chen Wörter lassen sich ganze Bewe­gungs­fol­gen kurz und knapp beschreiben
    • Erle­ichtert die Kom­mu­nika­tion
    • Pri­ma für Mitschriften

Übersicht über das WingTsun System

WingT­sun entwick­elte sich ja bekan­ntlich in Chi­na. Daher ist es uner­lässlich sich zu min­destens grundle­gend mit dem Dao­is­mus zu befassen.

Formen

  • Siu-Nim-Tao — Kleine Idee — Form (8 Sätze)
  • Cham-KiuSuchende Arme Form bzw. Brück­en Arme (8 Sätze)
  • Biu-DjieStoßende Fin­ger Form (8 Sätze)
  • Muk-Yan-Chong / Mok-Yang-Jong — Holzpup­pen­form (8 Sätze)
    • Chong — Holzpuppe
  • Luk-Dim-Boon-Kwan — Lang­stock­form
  • Bart-Cham-Dao — Die 8 Wege der Dop­pelmess­er

Chi-Sao

  • Chi-Sao — Klebende Hände
  • 19 Chi-Sao Sek­tio­nen
    • 7 Sek­tio­nen in der Siu-Nim-Tao und Cham-Kiu
    • 4 Biu-Djie Sek­tio­nen
    • 8 Chi-Sao Holzpup­pensek­tio­nen

Dan Chi — Einarmiges Chi Sao

  • Poon-Sao — rol­lende Hände
  • Chi-Gerk — Chi-Sao für die Beine (…siehe Mui Bou)
  • Chi-Kwan — Kleben­der Stock
  • Tak­tiles Reak­tion­strain­ing

Lat Sao

  • Lat-Sao — Part­ner­form, Freikampf
  • Pak-Sao Zyk­lus
  • Kamp­fan­wen­dun­gen
  • Nuk-Sao — Stand­kampf, Freikampfübung
  • Gle­ichzeit­igkeit­en
  • Optis­ches Reak­tion­strain­ing

Techniken / Bewegungen

  • Biu-Tze-Sao / Biu-Sao — Fin­ger Tech­nik
  • Bong-Sao — Schwin­ge­n­arm
  • Chang-Sao — Spaten­hand
  • Ding-Jarn — Ell­bo­gen­stoß
  • Fak-Sao — Fegend schla­gen­der Arm
  • Fook-Sao — Brück­e­n­arm
  • Gaun-Sao — Abwehr gegen tiefen Angriff
  • Gum-Sao — Drück­ende Hand
  • Huen-Got-Sao — rotierende, schnei­dende Hand
  • Huen-Sao — Zirkel­hand
  • Ju-Che­ung — seitlich­er Hand­flächen­stoß
  • Jum-Sao — sink­ender Ellen­bo­gen
  • Jut-Sao — Schock­hand
  • Kau-Sao — Zirke­larm

Kuen / Faust

  • Kuen-To — (kleine & große) Box­form
  • Kwai-Jarn — 45° Ell­bo­gen von oben, aus Biu Tze
  • Kwun-Sao — Rotierende Arme
  • Lan-Sao — Riege­larme, aus Cham-Kiu (…siehe Pie-Jarn?)
  • Lap-Sao — kurz­er, schar­fer Zug
    • Zer­stört das Gle­ichgewicht und die Struk­tur des Geg­n­ers.
  • Lau-Sao — Schöpfend­er Arm
  • Lin-Wan-Kuen — Ket­ten­faust­stöße
  • Mang-Geng-Sao — Nacken­zugtech­nik
  • Man-Sao — vordere Hand = Suchende Hand
  • Muk-Yan-Chong-Fa — Holzpup­pen­tech­niken
  • Pak-Sao — Hand­flächen­ab­wehr
  • Pie-Jarn — Dop­pel­ter hor­i­zon­taler Ellen­bo­gen aus Chum-Kiu, Hack­ing Ell­bow (Siehe Lan-Sao) ??
  • Shat-Geng-Sao / Saat-Geng-Sao — Kehlkopf­schlag
  • Tan-Sao — Hand­fläche-oben-Hand
  • Tok-Sao — Hebende Hand
    • Geg­n­er am Ell­bo­gen anheben, um ihn zu schla­gen oder aus dem Gle­ichgewicht zu brin­gen.
  • Tut-Sao — Befreiende Arme
  • Wu-Sao — hin­tere Hand, Schützende Hand
  • Yat-Chi-Kuen — Ver­tikale Faust

Ellenbogen

  • Hau-Pai-Jarn — Ellen­bo­gen­schlag nach hin­ten
  • Chin(Shan)-Pai-Jarn — Ellen­bo­gen­schlag nach nach vorne
  • Yik-Pai-Jarn — Ellen­bo­gen­schlag rück­wär­tig
  • Chan-Pai-Jarn — Ellen­bo­gen­schlag vor­wärts schnei­dend

Schrittarbeit

  • IRAS / Yi-Dji-Kim-Yeung-Ma-Stand
  • Wen­dung
  • Drehung
  • Kampf­s­tand
  • Ver­fol­gungss­chritt / Vor­wärtss­chritt
  • Kreuzschritt
  • Zirkelschritt
  • Kwun-Ma — Lang­stock­stand
  • Jik-Chang-Gök — Vor­wärt­stritt
  • Wang-Chang-Gök — Seitwärt­stritt
  • Che-Chang-Gök — gedrehter Tritt
  • Erste Schrit­tkom­bi­na­tion
  • Zweite Schrit­tkom­bi­na­tion
  • Mui-Bou — Pflau­men­blüten Schrit­tar­beit (…siehe Chi Gerk ?)

Graduierungen / Ausbildungsstufen

  • 12 Schü­ler­grade (1. — 12.SG)
  • 4 Lehrgrade / Höhere Grade (ver­al­tet: Tech­niker­grade) (1. — 4.HG)
  • 4 Prak­tik­er­grade / Meis­ter­grade (5. — 8.)
  • 4 Großmeis­ter­grade (9. — 12.)

Kuen Kuits — Mottos und Konzepte

  • Nase-Nase Prinzip
  • Schwere Ellen­bo­gen
  • Die wiederge­borene Kraft
  • Pflücke die Frucht, oder der reißende Zwirn­faden
  • Das Zonen Prinzip
  • Kraft­prinzip­i­en
    1. Mach dich frei von dein­er eige­nen Kraft.
    2. Mach dich frei von der Kraft deines Geg­n­ers.
    3. Ver­wende die Kraft des Geg­n­ers gegen ihn selb­st.
    4. Füge zu der Kraft des Geg­n­ers deine eigene hinzu.
  • Kraft­sätze
    1. Ist der Weg frei, stoße vor.
    2. Ist der Weg versper­rt, bleibe kleben
    3. Ist die Kraft des Geg­n­ers größer, gib nach.
    4. Zieht der Geg­n­er sich zurück, folge ihm.
  • weit­ere Kuen Kuits

Familienverhältnisse

  • To-Dai ‑Anhänger, Schüler
  • Si-Hing — älter­er Wing Chun Brud­er
  • Si-Je — ältere Wing Chun Schwest­er
  • Si-Dai — jün­ger­er Brud­er
  • Si-Mui — jün­gere Schwest­er
  • Si-Fu — väter­lich­er Lehrer, per­sön­lich­er Lehrer
  • Si-Pak — älter­er Brud­er vom Si-Fu
  • Si-Suk — jün­ger­er Brud­er vom Si-Fu
  • Si-Gung — der Wing Chun Groß­vater
  • Si-Jo — der Wing Chun Urgroß­vater, der Si-Fu vom Si-Gung

Weitere chinesische Begriffe

  • Baart — Acht
  • Bo — Schritt ?
  • Bo-Lay-Tao — Kopf ?
  • Bok — Schul­ter
  • Boon — halb
  • Che­ung — ?
  • Ching — Frontal
  • Chung — Aufladung
  • Dao — Mess­er
  • Dim — Punkt, Dim Ching — deut­lich, Dim Dim = Alle Punk­te
  • Dui — schauen
  • Faat — startet
  • Fook — Hand
  • Gee — Charak­ter, Ideogramm
  • Gow-Cha — Überkreuz, Kreuz und quer, durchkreuzen
  • Hau — hin­ten
  • Hui — wegge­hen
  • Joong Sin — Zen­tral­llinie
  • Jor — Links
  • Keung — kraftvoll
  • Kuen — Faust
  • Lat — Frei
  • Lau — hal­ten
  • Loy — ankom­men
  • Ping — kom­biniere
  • Saam — drei
  • Sao-Jik — ger­ade
  • Shang — dop­pelt
  • Sum — Herz
  • Sung — begleit­en
  • Yao — kommt
  • Yao — weich
  • Yat — eins, einzig
  • Yau — rechts
  • Yee — Zwei
  • Yeung — ver­schär­fen, anziehen, straf­fen, zu ziehen
  • Ying — müssen
  • Yung — benutze

Inneres WingTsun

Ebenen der persönlichen Entwicklung

Allen Kampfkün­sten ist gemein­sam, das sich der Schüler nicht nur kör­per­lich, son­dern auch gesellschaftlich und  geistig / seel­isch weit­er­en­twick­eln sollte. Das ist auch schon in den Kuen-Kuits angelegt. Man unter­schei­det drei ver­schiedene Ebe­nen:

  1. Kör­per­liche Entwick­lung
    Es geht um das handw­erk­liche Erler­nen der Kampfkun­st, die Beschäf­ti­gung mit meinem physis­chen Kör­p­er, und let­ztlich um Selb­stvertei­di­gung und ‑behaup­tung in Kon­flik­t­si­t­u­a­tio­nen.
  2. Gesellschaftlichen Entwick­lung in der Umwelt
    Es geht darum mit Klugheit, und Geschick / mit Strate­gie und Tak­tik den All­t­ag in der Gesellschaft in der du leb­st zu über­leben, und sich gegen andere durchzuset­zen bzw. zu behaupten. Hier wird die Per­sön­lichkeit, und das Ego entwick­elt. Aber alles, was man sich an materiellen Din­gen erar­beit­et und gewin­nt, ist nicht für ewig und damit am Ende wert­los. Das ist eine wichtige Erken­nt­nis. Let­ztlich geht es um Erfolg und Zufrieden­heit im Leben. Aber jed­er Men­sch definiert let­ztlich für sich sel­ber, was Erfolg bedeutet.
  3. Spir­ituelle Entwick­lung
    Es geht um die eigene geistige/seelische Entwick­lung.

Die Ebe­nen sind durch­läs­sig, und nicht isoliert voneinan­der zu betra­cht­en. Sie bee­in­flussen sich gegen­seit­ig. Im Ide­al­fall beschäftigt man sich mit allen drei Ebe­nen. Die meis­ten Men­schen benöti­gen aber einen Reife­prozess, bevor sie die dritte Ebene über­haupt wahrnehmen.

In der drit­ten Ebene geht es für mich nicht darum etwas in mir zu besiegen. Schließlich bin ich nicht mit mir sel­ber im Kon­flikt, oder gar im Krieg. Ich will ler­nen meine Stärken und Schwächen zu erken­nen, und erst­mal zu akzep­tieren, und zu lieben wie, wer, und was ich bin. Wenn mir etwas an mir nicht gefällt, dann kann ich mich — davon aus­ge­hen — auf den Weg machen es zu verän­dern. Ziel ist es das innere Gle­ichgewicht, die Mitte zu find­en und zu erhal­ten. Seele, Ver­stand und Kör­p­er sind so im Ein­klang. Allerd­ings wird das nicht auf Dauer gelin­gen son­dern bleibt ein immer währen­der Prozess. Drei Stich­wörter dazu sind:

  1. Selb­sterken­nt­nis
  2. Selb­stakzep­tanz
  3. Selb­stverän­derung

Am Anfang ste­ht eine Bestand­sauf­nahme ohne jede Bew­er­tung. Ich erfasse ganz nüchtern das Inven­tar, das meinen Charak­ter bis jet­zt geprägt hat. Wer bin ich? Was zeich­net mich aus? Was ist typ­isch? Was macht mich einzi­gar­tig? Was ist mein Tem­pera­ment, meine Tal­ente, Stärken und Schwächen? Dabei kön­nen mir Instru­mente zur Selb­stre­flex­ion helfen, und das Feed­back durch Fre­unde, um das gesamte Spek­trum “Fremd- und Selb­st­wahrnehmung” abzudeck­en, und blinde Fleck­en aufzudeck­en.

Für eine Selb­stverän­derung sollte ich mir konkrete, erre­ich­bare Ziele set­zen. Eine Verän­derung im Ver­hal­ten oder bei Gewohn­heit­en, das erler­nen und ein­schleifen neuer Eigen­schaften und Fähigkeit­en. Dazu braucht es einiges an Mut, Diszi­plin und Wil­len­skraft, aber auch sehr viel Geduld mit mir sel­ber. Dinge die sich über lange Zeit eingeschlif­f­en haben, lassen sich nicht ein­fach so abschal­ten und erset­zen. Es ist okay, wenn ich dabei auch mal drei Schritte zurück mache. Rückschläge gehören dazu. Es ist okay wenn ich mir dazu Unter­stützung hole.

Spir­ituelle Entwick­lung lässt sich — bzw. sollte sich — nicht auf die Mot­tos und Konzepte des WT  reduzieren. Ebene zwei ergibt sich, wenn ich in Ebene drei „im Fluss“ bin. Es geht let­ztlich immer darum loszu­lassen, und Verän­derun­gen gegenüber offen zu sein, denn das einzige Beständi­ge im Leben ist der Wan­del, und so ist auch WingT­sun.

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